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Stagflation

Wenn Stagnation in Verbindung mit einer Inflation auftritt, spricht man von Stagflation. Verheerend war dieses Phänomen vor allem im Zuge des Ölpreisschocks in den 1970er-Jahren. Als in dieser Zeit die Ölmenge aufgrund von politischen Spannungen im Nahen Osten verknappt wurde, verdoppelte sich der Ölpreis innerhalb von nur zwei Jahren. Auch die Inflation verdoppelte sich auf bis zu 13%. Ob es im Einzelfall zu einer Stagflation kommt, hängt allerdings in erster Linie davon ab, wie Unternehmen und Verbraucher auf das gestiegene Preisniveau reagieren. In den 70er-Jahren ist es zur Stagflation gekommen. Aktuell sieht so manch ein Experte wieder die Gefahr einer Stagflation. Das Gefährliche an einer Stagflation ist, dass sie sich grundsätzlich nicht mit Maßnahmen der Global- und Nachfragesteuerung beheben lässt. Aber was versteht man überhaupt unter dem Begriff, wie entsteht Stagflation und welche Auswirkungen hat dieses Phänomen zur Folge?

Was ist Stagflation? (Definition)

Unter dem Begriff Stagflation wird eine ökonomische Mischung aus Stagnation und Inflation verstanden. Das bedeutet, dass die konjunkturelle Lage durch eine nicht wachsende Wirtschaft in Kombination mit einer herrschenden Unterbeschäftigung gekennzeichnet ist. Erstmals ist das Phänomen der Stagflation während des Ölpreisschocks in den 1970er-Jahren aufgetreten. Als wichtigste Ursache für Stagflation gilt die Unvereinbarkeit von Verteilungsansprüchen und dem Inlandsprodukt.

So wirkt sich Stagflation auf eine Volkswirtschaft aus

Wie entsteht Stagflation?

Eine Kombination aus Inflation und Stagnation ist am Markt nur selten zu beobachten. Das liegt daran, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten meist keine Inflationsangst herrscht. Schließlich ist Inflation grundsätzlich ein Phänomen, welches als Folge von einem wirtschaftlichen Boom entsteht. Denn bei einer starken Wirtschaft erlebt auch die Nachfrage einen Aufschwung, sodass Unternehmen die Produktion erhöhen müssen. Als Folge davon werden die Unternehmen auch das Preisniveau anheben, sodass die Inflation begünstigt wird.

Etwas anders stellt sich die Situation im Falle einer Stagflation dar. Für dieses seltene Phänomen können beispielsweise stark steigende Produktionskosten ursächlich sein. So ist es zum Beispiel in den 1970er-Jahren zu einer solchen Stagflation gekommen, als sich der Ölpreis innerhalb von zwei Jahren verdoppelte. (4)

Die Unternehmen waren gezwungen, die höheren Produktionskosten an die Verbraucher weiterzugeben. Die Folge: deutlich höhere Preise für Waren aller Art. Dementsprechend fahren Verbraucher ihre Nachfrage zurück, was die Unternehmen wiederum zu einer Produktionssenkung veranlasst. In der weiteren Entwicklung dieser gefährlichen und folgenreichen Spirale entlassen die Unternehmen Mitarbeiter, was die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schnellen lässt. Die gesamte Volkswirtschaft leidet, die Kaufkraft geht massiv zurück.

Darstellung der Stagflation während der zwei Ölpreisschocks der 1970er Jahre

Quelle: Motherjones.com

Gefahr einer Stagflation am Beispiel der Türkei 2018

In der Türkei herrscht 2018 ein großes Risiko für eine Stagflation. In der Jahresbetrachtung sind die Verbraucherpreise hier zwischen Juli 2017 und 2018 um 15,85% gestiegen. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass sich die Landeswährung Lira seit längerer Zeit unter Druck befindet. Zuletzt hat der Lira auf Monatssicht gegenüber Euro und Dollar fast neun Prozent verloren. Wenig positiv sind auch die Aussichten für das türkische Bruttoinlandsprodukt, das sich von nun an deutlich verlangsamen soll. All diese Fakten sprechen dafür, dass der Türkei eine Stagflation unmittelbar bevorsteht.

Welche Auswirkungen hat Stagflation auf eine Volkswirtschaft?

Charakteristisch für eine Stagflation ist also, dass bei sinkendem Wirtschaftswachstum die Arbeitslosigkeit und Inflation zunehmen. Im Falle einer sich herausbildenden Inflationserwartung besteht außerdem die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Diese intensiviert die Stagflation noch weiter. Insgesamt kommt es während einer Stagflation zu einem höheren Preisniveau für Waren aller Art sowie zu einer hohen Arbeitslosigkeit.

Des Weiteren können ein Verlust des Vertrauens in die Märkte sowie eine daraus resultierende zunehmende Volatilität weitere negative Auswirkungen der Stagflation darstellen. Zentralbanken sind in diesem Fall zum Handeln aufgerufen, indem sie beispielsweise Wechselkurs- und Zinsänderungen durchführen. Da eine bereits eingetretene Stagflation sich nur sehr schwer bekämpfen lässt, gilt für alle Phänomene ein überaus langsamer Erholungsprozess.

Welche Anlageklassen sind bei Stagflation betroffen?

Grundsätzlich können die Auswirkungen einer Stagflation abhängig von der jeweiligen Anlageklasse sehr unterschiedlich sein. Es gibt Anlageklassen, die unter einer Stagflation verhältnismäßig stark leiden. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Anlagemöglichkeiten, die die verheerenden Folgen einer Stagflation mitunter sehr gut abfangen können. Aber welche Anlageklassen sind in welchem Umfang von einer Stagflation betroffen?

Aktien

Während einer Stagflation bleiben die Gewinne von Unternehmen in der Regel stabil. Mit Ausnahme des Beginns der Inflationsphase, ist bei dieser Anlageklasse nicht mit größeren Verlusten zu rechnen. Auch starke Kursgewinne sind bei Aktien im Zuge einer Stagflation allerdings eher unwahrscheinlich. Es gilt jedoch zu bedenken, dass die Inflation einen sinkenden Geldwert zur Folge hat. Dementsprechend ist inflationsbereinigt dennoch mit einem Verlust zu rechnen, wenn es zu einer Stagflation kommt. Insgesamt gelten Aktien jedoch auch in inflationären Zeiten als empfehlenswerte Anlageklasse.

Anleihen

Im Falle einer drohenden Stagflation sind Anleihen mit Sicherheit keine gute Wahl. Das liegt einerseits daran, dass die Wirtschaft stagniert. In der Folge verschlechtert sich die Bonität der Unternehmen. Darüber hinaus hat die parallel eintretende Inflation Auswirkungen auf die Kaufkraft. Erschwerend zu den fallenden Kursen kommen hier die steigenden Zinsen hinzu. Grundsätzlich gilt die Faustregel, dass sich mit zunehmender Dauer der Stagflation die negativen Auswirkungen für die Anleger in Anleihen intensivieren. Betroffen sind hier erfahrungsgemäß vor allem konservative Anleger, die dementsprechend zu den Verlierern einer Stagflation gehören.

Immobilien

Auch Immobilien sind in Zeiten einer Stagflation als Anlagemöglichkeit oftmals die falsche Wahl. Einerseits belastet die Inflation die zu erwartende Rendite auf massive Weise. Hinzu kommen höhere Baukosten in Verbindung mit einer sinkenden Kaufkraft. Auch die Immobilienpreise könnten sich zu Beginn der Stagflation durch höhere Zinsen negativ entwickeln. Darüber hinaus haben Immobilienbesitzer jederzeit neue Gesetze zu erwarten, die ihnen entgegenarbeiten (z.B. Verschärfung der Mietpreisbremse).

Gold

Mit Blick auf den Ölpreisschock der 1970er-Jahre und der damit hervorgerufenen Stagflation fällt auf, dass in dieser Zeit der Goldpreis deutlich zulegen konnte. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass das Edelmetall als Flucht aus einer Stagflation auch in heutiger Zeit geeignet sein könnte. Insbesondere in den Schüben an der Preisfront nahm der Goldkurs deutlich zu. So verdoppelte sich etwa allein zwischen 1973 und 1974 der Goldpreis. Einige Jahre später kam es im Jahr 1979 sogar zu einer Preiserhöhung in Höhe von 115% binnen zwölf Monaten. Damit gilt Gold als stagflationsresistentes Anlageinstrument.

Bargeld

Auch Bargeld kann den Anleger nicht vor einer Stagflation beschützen. Zwar können die Barmittel als Zentralbankgeld vor drohenden Bankenpleiten schützen – es gilt jedoch das große Risiko einer hohen Entwertung der Kaufkraft zu bedenken. Insgesamt ist Bargeld als Anlageklasse daher während einer Stagflation ähnlich unattraktiv wie Anleihen.

Anlageklassen und die Auswirkungen im Falle einer Stagflation im Überblick

Anlageklasse Auswirkungen Empfehlung
Aktien
  • Aktien weitestgehend resistent gegen Stagflation
  • Inflationsbereinigt ist trotzdem mit Verlusten zu rechnen
Eher ja
Anleihen
  • Bonität der Unternehmen verschlechtert sich
  • Kursverluste drohen; Zinsen steigen
Nein
Immobilien
  • Inflation belastet Renditeerwartung
  • Baukosten steigen, Kaufkraft sinkt
  • Jederzeit Gefahr neuer Gesetze (z.B. Verschärfung der Mietpreisbremse)
Eher nein
Gold
  • Goldpreis entwickelte sich während der Stagflation in den 1970er-Jahren überaus positiv
  • Gelbes Edelmetall gilt als Sicherheitsanker in kritischen Phasen
Ja
Bargeld
  • Bargeld als Zentralbankgeld kann vor Bankenpleiten schützen
  • Dafür hohe Entwertung der Kaufkraft zu erwarten
Nein
Quelle: Eigene Recherchen

Fazit

In einem Stagflationsprozess gibt es nur wenige Gewinner. Das Gefährliche an einer Stagflation ist, dass sie sobald sie einmal da ist, nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Eine effiziente Bekämpfung dieses Phänomens ist nach herrschender Lehrmeinung insbesondere durch die Brechung von Inflationserwartungen zu erreichen. Um dieses Ziel zu erreichen, gelten eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik sowie eine glaubwürdige Zentralbank als wichtige Voraussetzungen.

Zwar ist die Gefahr einer Stagflation zumindest in Deutschland zum jetzigen Zeitpunkt eher gering – mittelfristig könnte das aber anders aussehen. In anderen Ländern wie zum Beispiel der Türkei ist die Gefahr für das verheerende Phänomen schon jetzt recht konkret. Das liegt vor allem an der steigenden Inflationsrate in Kombination mit einer abgewerteten Landeswährung.

Autor: Christian Finkenbrink, Oktober 2018

Quellen

  1. Wirtschaftswoche – Das Gespenst der 70er Jahre kehrt zurück
  2. Handelsblatt – Türkische Inflationsrate steigt weiter
  3. ARD Börse – Was ist Stagflation?
  4. Motherjones.com – Did the Stagflation of the 70s Ever Exist In the First Place?