Hat das Bruttoinlandsprodukt ausgedient?

Wirtschaftswachstum ist von zentraler Bedeutung in unserem Wirtschaftssystem und gilt als Indikator für den gesellschaftlichen Wohlstand. Auch die aktuelle Niedrigzinsphase verdankt sich der Tatsache, dass die Europäischen Notenbank mit niedrigen Zinsen das Wirtschaftswachstum ankurbeln will. Aufschluss über das Wirtschaftswachstum gibt das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Grünen halten das BIP jedoch nicht für zeitgemäß. Sie sind nicht die ersten, die sich am BIP reiben.

Im BIP ist kein Platz für Umwelt

Im Gabler Wirtschaftslexikon heißt es zum BIP: „Maß für die gesamte wirtschaftliche Leistung in einer Volkswirtschaft in einer Periode. Da das BIP Auskunft über die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug der Vorleistungen und Importe gibt, dient es als Produktionsmaß und damit als Indikator für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Zur Herleitung und Darstellung wird zwischen Entstehungs-, Verwendungs- und Verteilungsrechnung unterschieden.“[1]

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Quellen:

Dieses Wirtschaftswachstum wird dabei oft mit einer Zunahme an Wohlstand gleichgesetzt. Von einem steigenden BIP profitieren letztlich alle, so die These, egal ob Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Arbeitsloser. Die Partei Bündnis 90/Die Grünen zieht diese Auffassung jedoch in Zweifel.

In ihrem Jahreswohlstandsbericht 2019 heißt es: „Das BIP ist ‚blind‘ dafür, ob unser Wirtschaften auch seine sozialen, ökologischen und gesellschaftlichen Quellen erhält oder ob es ihnen Schaden zufügt. Das BIP eignet sich nicht, die Entwicklung des Wohlstands in seiner ganzen Breite abzubilden.“[2] Die Grünen kritisieren unter anderem, dass Umweltschäden nicht berücksichtigt werden. Außerdem weisen sie darauf hin, dass Menschen mit kleinen Einkommen zuletzt wenig vom Wirtschaftswachstum profitiert haben.

Auch die Digitalisierung findet sich kaum im BIP wieder

Die Grünen stellen dem BIP acht eigene Indikatoren in Form von Ampeln gegenüber. Darunter befinden sich etwa „Artenvielfalt und Landschaftsqualität“, „Ökologischer Fußabdruck im Verhältnis zur Biokapazität“ und „Einkommensverteilung S80/S20-Relation“. Drei Ampel stehen auf Rot, vier auf Gelb, nur der „Governance Index“ steht auf Grün.

Kritik am BIP gibt es aber nicht nur von den Grünen. Das BIP konzentriert sich nach wie auf die klassische Warenproduktion wie etwa die Herstellung von Autos. Die Digitalisierung und ihre Errungenschaften werden vom BIP hingegen kaum erfasst. Online-Lexika, Suchmaschinen und soziale Netzwerke steigern laut MIT-Professor Erik Brynjolfsson den Wohlstand der Amerikaner jährlich um 100 Milliarden Euro. Berücksichtigt wird das im BIP nicht.[3]

Das BIP ist nach wie vor eine der zentralen Kennzahlen in unserem Wirtschaftssystem. Wie zukunftsfähig ist aber ein Maß, das zentrale Herausforderungen unserer Zeit wie Umwelt und Digitalisierung kaum berücksichtigt? Eine Reform ist mehr als angebracht.

Weiterführende Links

[1] Gabler Wirtschafslexikon – BIP

[2] Bündnis 90/Die Grünen – Jahreswohlstandsbericht 2019

[3] Der Tagesspiegel – Ist das BIP noch der richtige Maßstab?